Kleiner Rückstand, grosse Auswirkung

Kleiner Rückstand, grosse Auswirkung

Warum am Bodensee jede Sekunde zählt

Die Seelinie gehört zu den schönsten Bahnstrecken der Region – und zugleich zu den anspruchsvollsten im täglichen Betrieb. Kleine Verzögerungen können hier grosse Auswirkungen haben. Deshalb hat Thurbo gezielte Massnahmen lanciert, um in der Pünktlichkeit noch besser zu werden.

Pünktlichkeit ist für die Fahrgäste selbstverständlich. Kommt ein Zug zu spät, wird das sofort wahrgenommen. Oft ohne zu wissen, was im Hintergrund alles zusammenspielt. Genau hier liegt die Herausforderung der S1: Sie ist die längste Linie von Thurbo und erstreckt sich von Schaffhausen bis Wil. Zudem weist sie zahlreiche Kreuzungen auf und verläuft abschnittsweise einspurig. Verspätet sich ein Zug, wirkt sich dies unmittelbar auf den Gegenzug und damit auf alle darauffolgenden Abfahrten aus. Immer wieder verzeichnete die S1 Verspätungen, was in der Historie auf eine systematische Problematik hinwies. Aus diesem Grund machte sich eine Projektgruppe – bestehend aus Spezialist:innen der SBB Infrastruktur und Thurbo – an die Arbeit und analysierte die möglichen Knackpunkte.

Entdecken Sie die maritime Etappe der S1 im 360°-Video. Schauen Sie das Video direkt auf Youtube respektive mit dem Smartphone in der Youtube-App. Bewegen Sie das Smartphone für den 360°-Effekt. Auf dem Desktop halten Sie die Maus gedrückt und drehen hin und her. Video: Thurbo AG

Wenn Sekunden zu Minuten werden

Die Auswertungen zeigen eindrücklich, wie sensibel das System reagiert. Besonders überraschend ist eine Erkenntnis, die selbst langjährige Lokführer:innen verblüfft: Ist Zug A 15 Sekunden zu spät dran, verursacht dies bis zu 120 Sekunden Verspätung beim Gegenzug B. Das sind bis zu zwei Minuten, also das Zehnfache der anfänglichen Verspätung. «Das hat selbst mich erstaunt», gesteht Daniel Fust, Leiter des Lokpersonals von Thurbo und seit über 30 Jahren Lokführer. Gerade an Knotenpunkten und Kreuzungsstellen multiplizieren sich kleinste Abweichungen. Signale schalten später auf Grün, Einfahrgeschwindigkeiten reduzieren sich, Anschlusszüge geraten unter Druck. Was mit wenigen Sekunden beginnt, kann sich rasch zu einer spürbaren Unpünktlichkeit entwickeln.

Die Thurbo Seelinie, hier während der Blueschtzeit im Frühling, gehört zu den schönsten Strecken des Betriebsgebiets. Bild: Thurbo AG

Klare Weisungen für das Lokpersonal

Somit ist klar: Das grösste Pünktlichkeitspotenzial liegt nicht auf der Strecke, sondern an den Haltepunkten. Während auf freier Fahrt oft nur wenige Sekunden gewonnen werden können, entscheidet sich die Pünktlichkeit beim Ein- und Ausfahren in die Bahnhöfe, bei der Dauer der Halte, bei der Ablösung der Lokführerinnen und Lokführer und bei der Abfahrt auf die Sekunde genau. Insbesondere die Testwoche «Fahrt mit zulässiger Höchstgeschwindigkeit», die im Sommer 2025 durchgeführt wurde, bestätigt diese Erkenntnis.

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Der Schlüssel zur Pünktlichkeit liegt im Halt – nicht auf der Strecke.

Daniel Fust Leiter Lokpersonal Thurbo

«Es war uns wichtig, die Erfahrungen und Beobachtungen des Lokpersonals in die Analyse miteinfliessen zu lassen», sagt Martin Thalmann, Bereichsleiter Betrieb. Die zahlreichen Rückmeldungen komplettierten das Bild und sorgten sowohl beim Lokpersonal als auch beim Führungsteam des Betriebs für Aha-Momente. «Dass sich eine Verspätung nicht einfach eins-zu-eins auswirkt, sondern verzehnfacht, hat Eindruck gemacht. Nun müssen wir die gewonnenen Erkenntnisse im Alltag verankern», sagt Fust.

Verspätungen auf der S1 wirken sich direkt auf andere Züge aus. Bild: Thurbo AG

Konkret wurden mehrere Massnahmen für das Lokpersonal definiert: eine Minute vor Abfahrt fahrbereit sein, den Personalwechsel speditiv durchziehen, den Zeitspielraum an Haltepunkten konsequent nutzen und im Verspätungsfall die Höchstgeschwindigkeit fahren, sofern möglich.

vPRO versus PüA

Für das Lokpersonal bedeutet dies zudem, klare Prioritäten zu setzen:

1. Sicherheit

2. Pünktlichkeit

3. Komfort und Wirtschaftlichkeit

Ist ein Zug pünktlich, kann komfortabel und wirtschaftlich gefahren werden, also gemäss vPRO, dem Instrument, das die Idealgeschwindigkeiten vorgibt und die Energieeffizienz fördert. Im Verspätungsfall hingegen ist entschlossenes Handeln gefragt; die Pünktlichkeitsanzeige PüA ist dabei das zentrale Führungsinstrument. Zeigt die Anzeige +00:10 an, ist der Zug zehn Sekunden zu spät dran. «Unser Ziel muss stets 00:00 sein», betont Fust.

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Trotz guter Pünktlichkeitswerte streben wir stetig nach Verbesserung.

Martin Thalmann Bereichsleiter Betrieb Thurbo

Untersee

Postkartenansicht auf den Untersee. Bild: Thurbo AG

Auch Fahrgäste tragen zur Pünktlichkeit bei

Nicht alle Einflussfaktoren liegen im direkten Wirkungsbereich von Thurbo. Gerade in den Sommermonaten, wenn ganze Schulklassen, Reisegruppen oder Velofahrende die Haltezeiten verlängern. Auch zögerliches Ein- und Aussteigen oder verspätetes Erscheinen am Perron wirkt sich unmittelbar auf die Abfahrtszeit aus. Ein konkretes Beispiel ist der Bahnhof Altnau, wo es keine Unterführung gibt. Dort wurde der bisherige Halt auf Verlangen durch einen fixen Halt ersetzt. Das heisst, die Barrieren werden früher angesteuert und Verzögerungen durch zu spät eintreffende Fahrgäste entfallen. «Wir hatten früher bis zu 35 Sekunden Verspätung, bis alle Personen eingestiegen waren», erläutert Fust. Für die Pünktlichkeit bedeutet dies einen Gewinn von bis zu einer halben Minute.

Langfristig positive Werte einfahren

Letztlich zeigt sich, dass die Pünktlichkeit durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren entsteht: Technik, Infrastruktur, Betrieb, Lokpersonal, aber auch die Fahrgäste tragen ihren Teil dazu bei. «Gleichzeitig müssen wir das Ganze auch relativieren: Wir haben bei Thurbo ein Pünktlichkeitsziel von 96.1% und erreichten im Jahr 2025 auf der Seelinie eine Pünktlichkeit von 95.8%, auf dem ganzen Thurbo Netz haben wir das Ziel mit 96.6% sogar übertroffen», so Martin Thalmann, Bereichsleiter Betrieb. Erste Ergebnisse im Dezember 2025 haben auf der Seelinie bereits einen leicht höheren Wert ausgewiesen. Ob die lancierten Massnahmen nachhaltig sind, lässt sich erst zu einem späteren Zeitpunkt sagen. «Dazu brauchen wir Langzeitwerte, um sie repräsentativ vergleichen zu können», so Thalmann.

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